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UNI_02_2017

UNIREPORTAGE Als Erasmus+-Student am GRIAT Mein Auslandssemester in Kasan Warum Russland? Sprichst du Russisch? Und ist deine Jacke warm genug? – Das waren die häufigsten Fragen, die mir während meines Auslandssemesters in Kasan gestellt worden sind. von Annika Keilholz, Masterstudentin Fahrzeugtechnik | 44 UNI I 02 I 2017 Die 1932 gegründete Technische Universität Kasan (KAI) ist nach dem russischen Flugzeugkonstrukteur Andrej Tupolev benannt und zählt zu den führenden Hochschulen Russlands. 2014 wurde an der KAI die erste Deutsch-Russische Universität, das „German-Russian Institute of Advanced Technologies“ (GRIAT) gegründet. Dem Konsortium gehören mehrere deutsche Universitäten an. Es wird auf deutscher Seite von der TU Ilmenau geleitet. Derzeit bieten die Partner sieben Studiengänge an, davon drei mit der TU Ilmenau. Schon an meinem ersten Tag, als ich im strömenden Regen mit ausufernder Verspätung am Flughafen Kasan angekommen bin, wurde ich herzlich empfangen. Eine Studentin, die im gleichen Wohnheim untergebracht war wie ich, lud mich erst einmal zu einer Tasse Tee ein. Tee trinken ist eine wundervolle Tradition in Russland, man trinkt eigentlich zu jeder Tages- und Nachtzeit schwarzen oder grünen Tee gemeinsam. Besser als der erste Eindruck Im Wohnheim habe ich zusammen mit anderen internationalen Studenten aus aller Herren Länder und den russischen GRIATStudenten gelebt. Das Wohnheim an sich erinnert eher an eine Jugendherberge. Man teilt sich zu zweit, zu dritt oder viert ein Zimmer, in dem nicht viel mehr als ein Tisch mit Stühlen, ein Schrank und ein Bett pro Bewohner Platz finden. Ich war im neueren Gebäudeteil untergebracht, deshalb blieb mir das Etagenbad erspart und wir hatten zusammen ein Bad am Zimmer. Pro Etage teilt man sich eine Küche und eine Waschmaschine. Zunächst war ich etwas skeptisch, ob ich es auf Dauer so dicht an dicht mit meinen Mitbewohnerinnen aushalten würde; wir waren zu dritt in einem Raum. Aber im Wohnheim zusammen mit einer russischen bzw. tatarischen GRIAT-Studentin und einer Chinesin zu leben, war eine der besten Entscheidungen, die ich in meiner Zeit in Russland getroffen habe. Schnell Freunde gefunden Guzel hat mir nicht nur die russische Küche und typische Milchprodukte Russlands, sondern auch die russische Kultur näher gebracht. Und wir sind im Laufe des halben Jahres zu richtig engen Freunden geworden. Da unser Zimmer eines der größten war, hat es sich zu einem offenen Zimmer entwickelt. Fast immer hatten wir Besuch von unseren Nachbarn und ob es ein improvisierter „Karaoke-Abend“ oder einfach nur Geschichten erzählen bis tief in die Nacht waren – langweilig wurde es nie. Und ich kann jetzt, glaube ich, auch in jeder Situation schlafen. Aber das gehört wohl auch zu dem Mehr an Gelassenheit, das ich mir in Russland zu eigen gemacht habe. Anderes Land, andere Sitten Es passieren in Russland schon mal Dinge, bei denen man den Grund nicht sofort erkennt. Beispiel: Als ich einmal von der Uni kam, war der Putz von den Fenstern gefallen. Man hatte wohl die Isolierung beim Einbau der Fenster vergessen. Das kann vorkommen, nur das Loch blieb dann noch in den restlichen sechs Wochen offen. Ein weiteres Beispiel: die Bürokratie. Russen lieben Bürokratie, noch mehr als die Deutschen, und besonders in Form von Papier. Da weiß schon mal die eine Stelle nicht genau, wo ich den Zettel herbekomme, den sie benötigt, um mir einen anderen Zettel auszustellen. Aber irgendwann hat man dann die Bibliothekszugangskarte und den Studentenausweis. Zum Glück hatte ich viele hilfsbereite, geduldige Menschen, die mir den Start in mein Studienleben enorm erleichtert haben. So habe ich mich nie allein gelassen oder überfordert gefühlt. Kein Student unter vielen Das Studium fand in kleinen Gruppen von etwa zehn Studenten statt. In Kasan ist man kein Erasmusstudent unter vielen. Als Austauschstudent der TU Ilmenau habe ich an den Kursen der Universität zusammen mit den russischen GRIAT-Studenten teilgenommen. Die Vorlesungen waren zum Glück auf Englisch. Die Themengebiete an der KAI sind weitgefächerter als in Ilmenau. So habe ich Lehrveranstaltungen zu „philosophischen Problemen des Ingenieurwissens“ über „Mechanisches Design“


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