Lego_discussion

Was ist eigentlich harmonische Zusammenarbeit? Wenn alle Teammitglieder am gleichen Strang ziehen? Kollaboration ist unnütz wenn alle allem zustimmen – so meint auch Liane Davey in einem HBR-Online-Artikel: „If Your Team Agrees on Everything, Working Together Is Pointless“. Sie fordert, dass wir unsere Auffassung von Konflikten ändern. Kritik kann einen Mehrwert schaffen. Denn wer immer nur auf Konsens bedacht ist, wird kaum radikale Verbesserungen schaffen.

„What we need is collaboration where tension, disagreement, and conflict improve the value of the ideas, expose the risks inherent in the plan, and lead to enhanced trust among the participants.“ (Liane Davey auf HBR.org)

Trotzdem, kulturelle Normen, die uns zu Konsens verleiten und einen entgegenkommenden Umgang mahnen, prägen unsere Interaktion (ebd.).

Auch Online-Plattformen für Ideenentwicklung setzen vermehrt auf Kollaboration, fordern ihre Nutzer auf, ein freundliches Miteinander zu pflegen. Den Nutzern selbst scheint ebenso daran gelegen, nicht in Konflikt zu geraten. Vor allem in Kommentaren erscheint ein freundlicher Ton angemessener. Vermeintlich schlechte Ideen können ja einfach ignoriert werden oder müssen dann im Voting herhalten – hier kann auch ohne große Worte ein schlechtes Urteil vergeben werden.

Eine erste Auswertung von qualitativen Interviews mit Kreativen auf Crowdcreation-Plattformen zeigt, dass die Interviewten das harmonische Miteinander schätzen. Ohnehin scheinen Kommentare oft darauf gerichtet, eher knappes und positives Feedback auszuteilen – sei es wie z.B. auf unserAller, weil man dadurch z.B. schnell wichtige Punkte ergattern kann, auf Threadless, um einem Künstler Anerkennung für sein Design auszusprechen oder wie auf Quirky um einem Erfinder viel Erfolg bei der Umsetzung seiner Idee zu wünschen.

Die Gründe, warum negatives Feedback von den Interviewten eher gemieden wird, können verschieden sein. Plattform-Nutzer können u.a. darauf bedacht sein, andere nicht in ihren Gefühlen oder aber auch in ihrem Ego zu verletzen. Ein Threadless-Designer meinte, er würde lieber allein arbeiten, da er andere nicht gerne kritisiere. Ein anderer nutzt dafür lieber die Voting-Funktion; kommentieren würde er niemals negativ. Ein Quirky-Nutzer schätzt das Erfinder-Ego im Allgemeinen als zu sensibel ein, um negatives Feedback zu verkraften. Ein anderer zögert mit Kritik, weil er nicht sicher ist, ob seine Ansichten bzw. seine Perspektive, auf das Problem zu schauen, vielleicht einfach nur anders sei, er die Idee des Ideengebers vielleicht nicht richtig verstanden habe. Eine Nutzerin auf unserAller rechtfertigt ihr Zurückhalten mit negativen Einschätzungen wiederum mit dem Argument, viele Ideen auf der Plattform seien ohnehin eher Geschmackssache.

Trotzdem, alle User gaben an, dass sie konstruktive Kritik durchaus wertschätzen. Schließlich sollen die Ideen eine breite Masse ansprechen. Auch die konzeptionelle und handwerkliche Visualierung einer Idee, wie auf Threadless aber auch LEGO Ideas, kann Kritik im Sinne von gutgemeinten Ratschlägen durchaus vertragen, auch wenn sie vielleicht erst in Folgeprojekten berücksichtigt werden können. Einer der interviewten Nutzer der LEGO-Ideas-Plattform meint dazu:

„I think even if it was all negative comments, if they were constructive that would be better than no comments. Just because it’s kind of nerve-wracking to work really hard on something and then put it up and then just have no idea what people think of it.“

Anja Solf

Anja Solf

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Medien- und Kommunikationsmanagement an der Technischen Universität Ilmenau.

Ihre kreative Ader lebt Anja nicht nur privat, sondern auch im Job aus: In Lehre und Forschung beschäftigt sie sich mit kreativen Prozessen in der Online-Ideengenerierung. Themen wie Crowdsourcing, Kundenintegration und User Innovation gehören zu ihren Schwerpunkten. Ansätze der Kreativitätsforschung in Kombination mit Theorien und Methoden der Soziologie und Sozialpsychologie helfen ihr, diese Konzepte zu entwirren und werfen im Gegenzug eine Menge Fragen auf: So z.B. warum Ideenwettbewerbe Erfolg versprechen, wenn sie Kreativität hemmen?
Anja Solf