Teamarbeit gleich Mittelmäßigkeit? Nach Thomas Strerath, Agenturchef bei Jung von Matt, wird Teamarbeit überschätzt, schließlich würden die besten Werbeideen von einzelnen Kreativen stammen, die zudem wenig ‚sozialverträglich‘ seien.

Die Kernaussagen des Interviews hier nachzulesen.

Fest steht, Teamarbeit ist kein Non-plus-Ultra, welches interdisziplinäres Wissen und vielfältige Fähigkeiten im idealen Bündel vereint und damit kreative Ideen erzielt. Sicherlich, Beispiele für ‚soziale Erleichterung‘ in Gruppenzusammenarbeit gibt es. Auch populäre Plattformen für Ideenfindung, wie z.B. IdeaConnection, arbeiten nach diesem Prinzip, wenngleich hier die Aufgabenstellungen spezifischer sind als im Kontext der Werbebranche und deshalb ein interdisziplinäres Vorgehen eher erfordern. Trotzdem, der Nutzen von Ideenfindung in Gruppen ist nicht per se gegeben. Tatsächlich gibt es zahlreiche Studien, welche den vermeintlich positiven Effekt von Zusammenarbeit auf die Ideenproduktivität anzweifeln lassen. Eine Auflistung findet sich z. B. bei Diehl und Stroebe (1987).

Die Gründe:
Ein wesentlicher Grund für nachlassende Leistung in Teams: ‚Soziales Faulenzen‘. Damit wird der Effekt beschrieben, nach welchem sich Personen in Gruppensituationen weniger einbringen. Die dahinterliegenden Ursachen sind vielfältig: Wenn der eigene Output nicht mehr sichtbar ist oder denen der anderen Teammitglieder zu sehr gleicht, bringen sich Individuen i.d.R. weniger ein.
Ein weiterer und wesentlicher Aspekt ist Konformität: Personen passen sich dem Gruppenstandard an – sei es informativ (durch inhaltliche Argumente) oder normativ (durch Zugehörigkeitsgefühl). Für Kreativität ist Konformität schädlich, zumindest in den ersten bis mittleren Phasen der Ideenfindung. Erst im späteren Prozess ist Konsens gefragt, wenn Ideen in Konzepte übersetzt werden, um sie anschlussfähig an die Realität werden zu lassen. Dann verengt sich der Lösungsrahmen im kreativen Prozessablauf.

„Je enger und klarer die Leitplanken sind, desto kreativer sind die Leute“? Wohl eher nicht. Den Lösungsrahmen von Beginn an durch ‚Leitplanken‘ einzugrenzen, ist aus Sicht der Kreativitätsforschung tatsächlich kontraproduktiv. Freiraum schafft Platz für divergentes Denken fernab von funktionaler Gebundenheit und gibt damit den Weg frei für originelle Ideen. Auch „soziale Unverträglichkeit“ schafft letztlich gewissermaßen ‚Freiraum‘ im Kontext sozialer Normen und Standards und lässt damit den einen oder anderen kreativen Mitarbeiter Neues schaffen.

Inwiefern spezifische soziale Strukturen Kreativität fördern oder hemmen kann nicht einfach beantwortet werden. Schließlich ergibt sich auch kreatives Verhalten aus dem Zusammenspiel von Person und Umwelt. Komponenten der Persönlichkeit wie Motivation oder Fähigkeiten sind essentiell und der Einfluss von Umfeldbedingungen wie Teamarbeit daher letztlich wohl im Einzelfall zu bewerten.

Literatur (u.a.):

  • Amabile, T. M. (1996): Creativity in Context. Colorado: Westview Press.
  • Diehl, M., & Stroebe, W. (1987). Productivity loss in brainstorming groups: Toward the solution of a riddle. Journal of personality and social psychology, 53(3), 497
  • Karau, S., & Williams, K. D. (1993). Social Loafing : A Meta-Analytic Review and Theoretical Integration. Journal of Personality and Social Psychology, 65(4), 681–706.

 

Anja Solf

Anja Solf

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Medien- und Kommunikationsmanagement an der Technischen Universität Ilmenau.

Ihre kreative Ader lebt Anja nicht nur privat, sondern auch im Job aus: In Lehre und Forschung beschäftigt sie sich mit kreativen Prozessen in der Online-Ideengenerierung. Themen wie Crowdsourcing, Kundenintegration und User Innovation gehören zu ihren Schwerpunkten. Ansätze der Kreativitätsforschung in Kombination mit Theorien und Methoden der Soziologie und Sozialpsychologie helfen ihr, diese Konzepte zu entwirren und werfen im Gegenzug eine Menge Fragen auf: So z.B. warum Ideenwettbewerbe Erfolg versprechen, wenn sie Kreativität hemmen?
Anja Solf